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VÖ 59: Archiv-Recht-Geschichte

Irmgard Christa Becker, Dominik Haffer,          
Volker Hirsch, Karsten Uhde (Hrsg.)


Archiv – Recht – Geschichte


Festschrift für Rainer Polley

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VÖ 59

28 verfügbare Teile

35,80 €

Vorwort


von Irmgard Christa Becker


Die vorliegende Publikation erscheint anlässlich des Ausscheidens von Prof. Dr. Rainer Polley aus dem aktiven Dienst an der Archivschule Marburg nach Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Archivschule Marburg würdigen damit die 35 Jahre währende Tätigkeit des Jubilars an der zentralen Ausbildungseinrichtung des deutschen Archivwesens. Rainer Polley war am 1. September 1979 auf eine von zwei neu geschaffenen Dozentenstellen an der Archivschule eingestellt worden. Seine Ausbildung als Jurist und Archivar und eine rechtsgeschichtliche Promotion und Habilitation waren ausschlaggebende Argumente für die Auswahl. Zum Zeitpunkt der Einstellung war die Archivschule Marburg Teil des Staatsarchivs Marburg. Der neue Dozent war in seinem ersten Berufsjahr auch für die Bestände des ehemaligen Hochstifts Fulda und die Sammlungsbestände des Staatsarchivs zuständig. Seit 1980 hat er dann ausschließlich Aufgaben der Archivschule Marburg erfüllt. Schon im November 1980 erhielt er die organisatorische Zuständigkeit für die wissenschaftlichen Lehrgänge und zwei Jahre später wurde er Abteilungsleiter des Instituts für Archivwissenschaft, an dem die Ausbildung des höheren Dienstes durchgeführt wurde. Seit 1990 hatte er den stellvertretenden Vorsitz im Prüfungsausschuss für die archivarische Staatsprüfung inne. Gewissermaßen als Fortsetzung dieses Zuwachses an Verantwortung wurde Rainer Polley im Januar 1994 Studienleiter und stellvertretender Leiter der seit dem 1. Januar 1994 selbständigen Archivschule Marburg. Diese Funktion hatte er bis zu seiner Pensionierung am 31. August 2014 inne.


Die Lehrtätigkeit des Jubilars war in hohem Maße von seiner Ausbildung als Jurist geprägt. Rainer Polley hatte zwar von 1967 an vier Semester Geschichtswissenschaft studiert und parallel dazu Rechtswissenschaft, er konzentrierte sich aber ab 1969 auf das Jurastudium, das er 1971 mit dem ersten Staatsexamen abschloss. Darauf folgte ein Rechtsreferendariat am Landgericht Darmstadt und das zweite juristische Staatsexamen 1974. Während des Rechtsreferendariats promovierte Polley mit einer Arbeit zu einem strafrechtlichen Thema bei Hans Hattenhauer in Kiel. Danach war er für einige Monate als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kiel beschäftigt. Dort begann er eine rechtsgeschichtliche Habilitation, die er mit einem zweijährigen Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft fortsetzte. Im Januar 1979 wurde er mit einer Arbeit über „Anton Friedrich Justus Thibault (1772-1840) in seinen Selbstzeugnissen und Briefen“ habilitiert. Zu diesem Zeitpunkt absolvierte er bereits das im September 1977 begonnene Archivreferendariat beim Landesarchiv Schleswig-Holstein und an der Archivschule Marburg, das er am 30. März 1979 mit der archivarischen Staatsprüfung abschloss. Seine Einstellung auf die Dozentenstelle an der Archivschule erfolgte also unmittelbar im Anschluss an das Archivreferendariat. Er war zwar explizit für den rechtsgeschichtlichen Unterricht eingestellt worden, zunächst unterrichtete er aber in beiden Ausbildungsgängen ausschließlich Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte. In den wissenschaftlichen Lehrgängen kam 1987 die Rechtsgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit hinzu, in den Fachhochschullehrgängen unterrichtete er seit 1989 auch Aktenkunde. Die deutsche Aktenkunde gab er 1995 an Karsten Uhde ab. Die französische Aktenkunde wurde 1997 von Andreas Metzing übernommen. Von 2001 bis 2005 hat Rainer Polley das Fach erneut unterrichtet.


Rainer Polley hat seinen Unterricht traditionell gestaltet. Er bevorzugte den Vortragsstil und ließ insbesondere die Referendare und Referendarinnen mit Referaten zu selbst gewählten Themen zu Wort kommen. Häufig konnten sie auf diese Weise eigene Forschungsergebnisse ihrer Doktorarbeiten in den Unterricht einbringen. Die Unterrichtsmaterialien hat der Jubilar aus der Literatur und teilweise auch aus Quellen zusammengestellt und über seine ganze Amtszeit hinweg weitergeführt.


Das Fach archivische Rechtskunde, das in den wissenschaftlichen Lehrgängen seit den frühen 1970er Jahren von Herbert Günther unterrichtet worden war, wurde 1997 mit der damals neuen Ausbildungs- und Prüfungsordnung für den höheren Archivdienst erheblich ausgeweitet. Die Vermittlung der theoretischen Grundlagen verblieb bei Herbert Günther. Eine Übung an Fallbeispielen, die auf die neu eingeführte Archivrechtsklausur in der Staatsprüfung vorbereiteten sollte, hat Rainer Polley übernommen. Seine Kompetenz als Volljurist ist damit recht spät in die Lehrtätigkeit einbezogen worden. Er hat für rund 15 Jahre das archivrechtliche Denken der Referendarinnen und Referendare geprägt. Die rechtswissenschaftliche Übung hat er bis zum Auslaufen der Ausbildungs- und Prüfungsordnung mit dem 47. Wissenschaftlichen Lehrgang im April 2014 durchgeführt. Dafür hat er reale Fälle verwendet und fiktive Fälle konzipiert, die er im Unterricht und für die Prüfung einsetzte. Für das neue Archivreferendariat hat er aufbauend auf dem bisherigen Unterricht das Modul Rechtliche Grundlagen und Rahmenbedingungen konzipiert. Die erstmalige Abwicklung dieses Moduls war seine letzte Unterrichtsaufgabe.


Rainer Polley hat während seiner ganzen Amtszeit in den Gremien der Archivschule teilweise kraft Amtes und teilweise als gewählter Vertreter der Lehrenden mitgearbeitet. Er hat zudem über viele Jahre hinweg die Rechtsgrundlagen der Ausbildung und der Archivschule betreut.


In den 1980er Jahren als die Archivschule noch Teil des Staatsarchivs war, hat er die Fortbildungsmöglichkeiten der staatlichen Archive genutzt und in diesem Rahmen 1983 am Stage technique international d’archives des Archives nationales in Paris teilgenommen. Die juristische Kompetenz, für die er im deutschen Archivwesen vor allem bekannt ist, hat er seit 1985 in die Ausarbeitung des hessischen Archivgesetzes eingebracht und die Novellierungen bis zur aktuellen Ausgabe begleitet. Über Hessen hinaus wird seine juristische Kompetenz seit 1997 in einer Arbeitsgruppe der ARK zur Harmonisierung der Archivgesetze des Bundes und der Länder, heute AG Archiv und Recht, geschätzt.


Seine wissenschaftlichen Interessen haben in der Ernennung zum außerplanmäßigen Professor durch den schleswig-holsteinischen Kulturminister im Jahr 1986 und in einem seit 1997 erteilten Lehrauftrag am Institut für Geschichte der Pharmazie der Phillips-Universität Marburg Ausdruck gefunden. Darüber hinaus hat er sie in zwahlreichen Aufsätzen unter Beweis gestellt, die sich überwiegend auf archivrechtliche, aber auch auf rechtsgeschichtliche Themen erstrecken.


Die Tätigkeit Rainer Polleys erstreckt sich über eine Zeit großer Veränderungen, wie der Verselbständigung der Archivschule 1994, ihrer Ausgestaltung als Landesbetrieb 2002 und über die Amtszeit von vier sehr verschiedenen Leiterinnen und Leitern der Archivschulet. Alle diese Veränderungen verliefen parallel zu einer mal mehr, mal weniger intensiven Diskussion um Reformen an der Archivschule. Er hat all diese Veränderungen und Diskussionen auf die ihm eigene Weise begleitet und unterstützt.


Rainer Polley wird vielen als Dozent in Erinnerung bleiben, der die Kursteilnehmer und Kursteilnehmerinnen und die Lehrbeauftragten der Archivschule intensiv betreut hat. Er hat mit unerschütterlicher Geduld versucht, Wünsche zu erfüllen, und seine positive Sicht auf die Menschen immer wieder unter Beweis gestellt.


Wir wünschen ihm für seinen Ruhestand, dass er sich noch recht lange mit den vielfältigen Themen, die ihn über seine berufliche Tätigkeit hinaus interessieren, beschäftigen kann. Dazu zählt unter anderem eine große Begeisterung für Musik, die er in den immer wieder auflebenden Chor an der Archivschule einbrachte, und ein lebhaftes Interesse für die Geschichte der Region, die sich unter anderem in seiner Beschäftigung mit Rilkes Aufenthalt in Friedelhausen ausdrückt. Und dann sind da die von ihm immer wieder angekündigten Reise, die er hoffentlich künftig durchführt.
  • Maße und Gewicht: (BxHxT) 148x210x28; 651g
  • Sprache: deutsch
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Auflage: 1.
  • ISBN: 978-3-923833-46-7
  • Seiten: 482